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 SoundcheckFreitag, 22. Januar 2010 um 11:18:37
Tocotronic: Schall und Wahn

Auf ihrem neunten Studioalbum schrammeln Tocotronic mal wieder lyrisch und bedeutungsschwer. Die breite Masse dürfte damit wenig anfangen können.

Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzows, Schlagzeuger Arne Zank und Bassist Jan Müller gründeten Tocotronic 1993 als Protestband, um die deutsche Indie-Rockszene fortan mit gesellschaftskritischen Texten aufzumischen. Die wortgewandten Tocotronic-Zeilen versetzen wohl vor allem Fans und Germanistikstudenten in Interpretationsekstase. Alle anderen könnten sich durchaus überfordert fühlen, wenn von Lowtzows dazu auffordert, doch bitte zur Zwittermelodie zu oszillieren.

Keine leichte Kost…

Die Warnung „Macht es nicht selbst“ soll das intellektuelle Publikum als Schlachtruf gegen das chronische Konkurrenzdenken in der heutigen Gesellschaft verstehen. Oh ja, der neue Longplayer der Band hat es wirklich in sich. Voraussetzung: Man kennt sich in Sachen Literatur aus! Das sperrige Titelstück „Schall und Wahn“ entlarven belesene Zuhörer als „Macbeth“-Zitat oder aber als Anspielung auf einen gleichnamigen Roman von US-Nobelpreisträger William Faulkner.

Einen Sinn für Lyrik sollte man auf jeden Fall mitbringen, um sich in der eigenwilligen Welt von Tocotronic zurechtzufinden. Lediglich das plakative Lagerfeuerlied „Im Zweifel für den Zweifel“ und die Retro-Nummer „Die Folter endet nie“ erweisen sich als recht zugängliche Momente des Albums. Hier sind die Texte sehr direkt, die Zeilen slogantauglich und die Melodien eingängig.

Überaus anstrengend lärmt dagegen die aggressive Anti-Castingshow-Hymne „Stürmt das Schloss“. „Das Blut an meinen Händen“ droht zuvor in einem schwammig-schrägen Meer aus Geigen zu ertrinken, das vom australischen Komponisten Thomas Meadowcroft inszeniert wurde.

Wie die Garagenband von nebenan…


Rebellisch gibt sich das Quartett – der Amerikaner Rick McPhail verstärkt die Band schon seit einigen Jahren am Keyboard – bei den punkigen Stücken „Ein leiser Hauch von Terror“ sowie „Keine Meisterwerke mehr“: Der krachende Gitarrensound dominiert klar, von Lowtzows anklagender Gesang spielt nur eine untergeordnete Rolle. Tocotronic rocken hier völlig ungezwungen, das klingt fast wie eine spontane Probe-Session in der Garage nebenan: robust, unbehandelt, authentisch. Auch der über achtminütige Opener „Eure Liebe tötet mich“ und das bombastische Albumfinale mit „Gift“ bestechen durch einen starken Live-Charakter. Von Lowtzows sonore Stimme leidet bei diesen Nummern besonders schön.

Wer Tocotronic kennt und schätzt, könnte bei dieser gepflegten Beschallung begeistert von einem neuen Meisterwerk sprechen. Die (dumme) breite Masse würde sich zu solch einer Aussage aber sicher nur im Wahn hinreißen lassen. Folglich hat die Ausnahmeband wieder alles richtig gemacht. Zielgruppe bedient - Mission erfüllt. Und jetzt bitte alle oszillieren zur Zwittermelodie!

Fazit: Anstrengender Indie-Rock für Germanisten! (mb)

Anspieltipps: „Im Zweifel für den Zweifel“, „Eure Liebe tötet mich“

Für Fans von: Blumfeld, Kettcar

Playlist:

01. Eure Liebe tötet mich   
02. Ein leiser Hauch von Terror  
03. Die Folter endet nie  
04. Das Blut an meinen Händen  
05. Macht es nicht selbst  
06. Bitte oszillieren Sie  
07. Schall und Wahn  
08. Im Zweifel für den Zweifel  
09. Keine Meisterwerke mehr  
10. Stürmt das Schloss  
11. Gesang des Tyrannen  
12. Gift

VÖ: 22/01/10 (Universal)

Link: www.Tocotronic.de

Fotos: Universal Music, Sabine Reitmeier


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