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 TV/Kino NewsDienstag, 02. Februar 2010 um 09:08:01
Ein Sommer in New York
von Sina Burger

Lustloser Uni-Professor nimmt Einwanderpärchen bei sich auf und findet zu sich selbst: Filmemacher Thomas McCarthy ist ein toll besetztes Kino-Drama gelungen.

„Ich konzentriere mich jetzt voll auf mein Buch“, ist die gebetsmühlenartige Standardantwort des verwitweten Professors Walter Vale (Richard Jenkins), wenn er auf seine Uni-(Un)tätigkeit angesprochen wird. Genau genommen rührt der mürrische Walter keinen Finger, seine Studenten überlässt er sich selbst, das Thema seines Buches bleibt ein Mysterium.

Walter hat auf nichts mehr Bock, mit allem Guten und Schönen abgeschlossen, will nur seine Ruhe und behandelt seine Umwelt mit zynischer Verachtung. Wie so oft in aussichtslosen Fällen wie diesem greift schließlich das Schicksal ein: Der Araber Tarek (Haaz Sleiman) campiert unerlaubter Weise mitsamt seiner senegalesischen Freundin Zainab (Danai Gunira) in Walters New Yorker Wohnung.

Ausgerechnet die illegalen Einwanderer entlocken dem ansonsten tiefgekühlten Walter menschliche Regungen, ja Mitgefühl, das tatsächlich in tätige Hilfe umschlägt. Walter hat endlich wieder eine Lebensaufgabe gefunden. Er lässt beide bei sich wohnen, ignoriert seinen Uni-Job komplett und widmet sich stattdessen mit Inbrunst dem afrikanischen Trommelspiel. Walter setzt alles daran, seine Schützlinge vor der Ausweisung zu bewahren. Doch die Behörden machen keine Ausnahme…

Lebenskrise politisch verpackt…

Der Film wird vor allem wegen seiner politischen Aktualität im Hinblick auf rigide Auswanderungsbestimmungen nach dem 11. September gelobt. Vielmehr geht es aber um die Krise eines amerikanischen Ex-68er-Intellektuellen: Walter ist auf der Suche nach Idealen, die ihm in der modernen Welt abgehen. Deshalb flieht er vor der völligen Sinnentleerung in die innere Immigration hinter eine Fassade aus Täuschungen und Lügen.  Richard Jenkins spielt den Protagonisten einfach grandios.

„Ein Sommer in New YorK“ ist handwerklich perfekt umgesetzt und manifestiert das Talent von US-Regisseur Thomas McCarthy. Besonders hervorzuheben ist die wirklichkeitsgetreue Darstellung amerikanischer Frittenbuden, Behördenstuben und der Bürgerohnmacht.

Die Story lebt von ihren starken Kontrasten: Lebensüberdrüssiger, zynischer US-Intellektueller, der alles hat, trifft auf lebensfrohe, illegale Einwanderer, die nichts haben. Hier prallen zwei so verschiedene Welten aufeinander, die dennoch miteinander verschmelzen wollen. Doch Gesetz und Bürokratie machen der Annäherung einen Strich durch die Rechnung.

Kompromissloser Realismus…

Da bleibt Walter letztlich nur noch, seine Wut in der New Yorker U-Bahn aus sich herauszutrommeln. Der kompromisslose Realismus am Ende tut weh. Walter ist und bleibt eben Walter - ein privilegierter Intellektueller. Das heißt: Er versteckt seine Freunde nicht etwa, sondern fügt sich am Ende wieder dem System. Immerhin hat er durch seine Begegnung mit dem Einwandererpaar seine Gefühle neu entdeckt.

Für ihn ist das schon viel! Den abgeschobnen Freunden bringt seine Selbstfindung jedoch wenig. Nein, ein Held ist Walter auch am Ende nicht.

Fazit: Intelligentes Drama ohne Happy End! (sb)

Originaltitel: The Visitor
Laufzeit: 108 Minuten
FSK: Ohne Altersbeschränkung
Regie: Thomas McCarthy
Drehbuch: Thomas McCarthy
Darsteller: Richard Jenkins, Mouna Khalil, Tarek Khalil u.a.
Produktion: USA, 2007
Kinotstart: 14/01/10

Fotos: Pandastorm Pictures


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